Silberschatz – Vergraben, verkannt, wiedergefunden

Das Bild zeigt die Gastwirtin Marie Schmid lachend auf einem Schutthaufen stehend, in jeder Hand eine der grossen runden Prunkplatten des Silberschatzes.
Bild: Marie Schmid mit Platten des Silberschatzes

1961 wird in Kaiseraugst (AG) ein spätantiker Silberschatz aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. entdeckt. Zunächst als wertlos betrachtet, werden Teile weggeworfen oder entwendet. Heute zählt der Fund zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der Schweiz – doch er bleibt unvollständig.

Ein Bagger legt los
Am 27. Dezember 1961 steuert Baggerführer Willy Füchter im Auftrag der Gemeinde Kaiseraugst seinen Trax zum neuen Schulhaus. Auf dem angrenzenden Gelände – direkt an der spätrömischen Kastellmauer – soll ein Sportplatz entstehen. Er soll das Areal von Baumstümpfen und den Resten einer Mistgrube vom benachbarten Coiffeursalon befreien. Während dieses Vorgangs stösst Füchter auf eine dunkle, humusreiche Schicht. Im Aushub glänzt ein metallischer Teller. Er hält ihn für Coiffeur-Abfall.

Tatsächlich hat die Baggerschaufel von Füchter gerade den bislang unberührten spätantiken Silberschatz erfasst. Was folgt, gleicht einem archäologischen Albtraum: Die Metallzähne schneiden durch jahrhundertealte Silberplatten, zerdrücken zerbrechliche Schüsseln und schleudern antike Silberlöffel achtlos über das Gelände. Den Aushub verteilt Füchter an verschiedenen freien Stellen auf dem Gemeindegebiet, in der Fischzuchtanlage und verschiedenen Mistgruben. Über den Jahreswechsel liegt der Schatz offen und verstreut am Boden, unbemerkt und unbeachtet. Noch ahnt niemand, dass genau hier bald ein abenteuerliches Kapitel beginnen wird. Denn erst im neuen Jahr nimmt die Geschichte um die spektakuläre Entdeckung des Schatzes ihren Lauf.

Wertvolles im Versteck
Am 16. Januar 1962 stolpert der 12-jährige Schüler N. B. beim Spielen über silbrig glänzende Metallplatten. Zehn bis zwölf Stück seien es gewesen, wird er später berichten. Eine davon habe sogar «wie Gold und Silber» geglänzt. Er nimmt die prächtige Platte mit nach Hause und zeigt sie später seinem Lehrer. Der winkt ab: «Das ist ein altes Blech, wirf es in die Abfallgrube.» Der Bub gehorcht.

Am 21. Januar findet eine Familie auf einem Spaziergang weitere Platten. Ihr siebenjähriger Sohn darf die schönste mitnehmen. Es ist die «Achilles-Platte» mit ihrer comicartigen Darstellung des Achilles-Mythos auf dem Rand. Heute ist sie das bekannteste Objekt des Schatzes. Die restlichen Stücke bleiben achtlos liegen. Wirtin Marie Schmid beobachtet die Szene durchs Fenster ihres Wirtshauses. Als sich die Familie plötzlich auf den Weg macht, notiert sie das Autokennzeichen. Später schlüpft sie in Gummistiefel und durchsucht das umgegrabene Gelände. Fünf Platten bringt sie ins Waschhaus des Wirtshauses, wo sie die Stücke aufbewahrt.

Der Schlüsselmoment
Am 19. Februar kommt der Stein endlich ins Rollen. Ein Spaziergänger bringt dem Archäologieprofessor Rudolf Laur-Belart eine verkrustete Metallplatte, die er auf einer Baustelle gefunden habe. Dieser erkennt sofort den antiken Ursprung. Einen Tag später begutachten sie gemeinsam mit dem Ausgrabungsleiter Jürg Ewald das Gelände. Sie sammeln erste Plattenfragmente, silberne Löffel und Münzen aus der nassen Erde ein.

Der eigentliche Wendepunkt kommt jedoch zwei Tage später. Marie Schmid stapft mit zwei intakten Platten über den Aushub hin zu den Archäologen. «Können Sie mit den Sachen etwas anfangen?» Laur-Belart ist verblüfft. Unter den insgesamt fünf Stücken befindet sich die sogenannte «Meerstadt-Platte», eines der spektakulärsten Stücke des Schatzes. Ihr Mittelmedaillon zeigt die Ansicht eines prächtigen Palasts am Meer. Laur-Belart nimmt die Platte kurzerhand mit nach Hause. In seinem Tagebuch hält er später fest, wie er zur Feier des Tages Meringues darauf serviert – auf echtem römischem Silbergeschirr.

Stück für Stück ans Licht
Dank des notierten Autokennzeichens wird bald auch die Familie aus Oberwil BL gefunden, die mit der Achilles-Platte weggefahren war. Der Junge bringt die gewaschene Platte aus seinem Schlafzimmer. Die Eltern geben an, die Objekte seien ihnen wertlos erschienen. Erst zu Hause seien sie «wirklich erstaunt und etwas beunruhigt» gewesen – «das Metall, besonders auf der Rückseite, schien beinahe neu.»

Am 6. März entdecken Archäologen etwas abseits ein wahres Silberdepot. Laur-Belart notiert: «Auf dem Humushaufen lag ein Gewimmel von langstieligen Löffeln und Tassen aus Silber. Die vier Tassen mit Horizontalrand steckten zum Teil noch ineinander. […] Im Innern glänzte das Silber fast wie neu.» Zudem finden sie eine Venusfigur, einen vergoldeten Kandelaber, weitere Löffel, zahlreiche Münzen und drei Silberbarren.

Am 8. März wird im Schulmist das Ariadne-Tablett geborgen. Die Geschichte des Schülers und seines engstirnigen Lehrers bestätigt sich. Bis Mitte März wird an verschiedenen Orten weitergegraben. Noch immer kommen neue Stücke ans Licht.

Überraschende Entwicklung
Der Fund macht weltweit Furore. Die Objekte werden nach damaligen Methoden gründlich gereinigt und zum Glänzen gebracht, verbogene Stücke wieder in Form gedrückt. Schon kurze Zeit später wird der Schatz im Museum der Römerstadt in Augst (BL) ausgestellt. Noch fehlen aber Teile des Schatzes. Auf der Rückseite der Achilles-Platte ist der Abdruck einer Platte erkennbar, der zu keinem der geborgenen Stücke passt.

Im Jahr 1995 folgt eine weitere, unerwartete Wende: Aus einem anonymen Nachlass werden 18 Teller, Schalen und Platten den Behörden übergeben. Darunter auch das Mittelstück zu einem 1962 geborgenen Plattenrand. Die Prunkplatte ist eine persönliche Gabe des Kaisers Constans zu Ehren seiner zehnjährigen Regierung 342/343 n. Chr., wie sich aus der Inschrift des Mittelmedaillons erschliesst. Der Schatz umfasst nun 270 Objekte mit einem Gesamtgewicht von 57,5 Kilogramm.

Die letzten Puzzlestücke
Bis heute bleibt der Schatz unvollständig. Die Platte, deren Abdruck auf der Achilles-Platte zu sehen ist, fehlt weiterhin. Doch die Hoffnung bleibt, dass auch die letzten Teile eines Tages auftauchen – vielleicht überraschend, vielleicht anonym. 2027 würde die neue Inszenierung des Silberschatzes im Museum Augusta Raurica in Augst (BL) den idealen Rahmen bieten, um das Puzzle zu vollenden.

Das Bild zeigt zwei Herren, die jeweils eine der grossen Platten des Silberschatzes abtransportieren, einer zu Fuss und einer mit dem Fahrrad.
Bild: Der Silberschatz wird mit dem Fahrrad abtransportiert

Zur Autorin: Lilian Raselli ist Leiterin des Museums Augusta Raurica. Der Text ist ein Auszug aus arCHaeo Suisse 03/2025 (vgl. ArCHaeo Suisse 2025.3 – aktuelle Ausgabe – Archäologie Schweiz: Link)

Aktuelle Ausstellung: Der gesamte Silberschatz ist aktuell bis 28.06.2026 in der Ausstellung «Schatzfunde – versteckt, versenkt, vergraben» im Historischen Museum Basel zu sehen.